Zu Beginn des neuen Jahres hatten wir wieder einen Themenstammtisch mit Dr. Ludovic Roy in unserem Programm. Genau am deutsch/französischen Tag - jeweils der 22. Januar, der Tag, an dem vor 63 Jahren (1963) der Élysée-Vertrag sowie der Aachener Vertrag (2019) als Ergänzung dazu, unterzeichnet wurden, ließ der Referent das Leben und Wirken von Valéry Giscard d'Estaing Revue passieren. Der “unvollendete” Präsident, so hat Dr. Roy ihn im Untertitel bezeichnet - er konnte viele seiner Pläne nicht zu Ende ausführen - seine Amtszeit dauerte von 1974-1981. Sein Ziel war, ein moderner Präsident für moderne Menschen zu sein! Geboren wurde Giscard am 2.2.1926 in Koblenz, wo sein Vater als Oberfinanzinspektor der französischen Rheinlandkommission stationiert war. Giscard verbrachte die ersten Schuljahre in Clermont-Ferrand, danach besuchte er das Lycée Louis le Grand in Paris und legte mit 16 Jahren das Abitur ab. Im Alter von 18 Jahren nahm er 1944 an der Befreiung von Paris teil und war am 26.4.1945 der erste französische Soldat in Konstanz. Ab 1948 besuchte er die Ecole National d'Administration (ENA) und trat 1951 in die Inspection General des Finances ein. Im Dezember 1952 heiratete Giscard die junge Anne-Aymone Sauvage de Brantes - sie bekamen vier Kinder. Politisch prägend für ihn wurden Edgar Faure sowie Pierre Mendès-France. Er befürwortete das “französische Algerien”, also nicht als Kolonie sondern als Teil Frankreichs, sowie die Römischen Verträge. Wie sein Vater war er immer mit der Finanzpolitik Frankreichs verbunden, als Staatssekretär für Finanzen 1959 und wurde 1962 Minister für Finanzen und Wirtschaftliche Angelegenheiten. Auch fungierte er zeitweise als Abgeordneter des Dépt. Puy-de-Dôme. Im Mai 1974 wird Giscard zum dritten Staatspräsidenten der V. Republik gewählt; er erhält 50,81% im zweiten Wahlgang gegen Mitterand. Zur Amtseinfühung kommt er zu Fuß über die Champs Elysée, ein junger, schlanker, dynamischer neuer Präsident - er ist 48 Jahre alt! Seine Amtszeit ist besonders geprägt von gesellschaftlichen Reformen wie dem Ausbau der Telefonleitungen, Freiheit bei Hotelübernachtungen, der Herabsetzung des Wahlalters auf 18 Jahre, Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, Einführung der einvernehmlichen Scheidung, Erweiterung des Rechts auf Anrufung des Verfassungsrates. Auch setzt er sich für Arbeitsmigration für EWG-Länder ein sowie für die Rückführung von Migranten. Er wollte keine Revolution von unten! Als die Inflationsrate 1974 auf 16,8 % stieg, war eine der Gegenmaßnahmen die Aufhebung der Preisbindung. Gemeinsam mit dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt leitete Giscard d'Estaing erste Schritte in Richtung eines Europäischen Währungssystems (EWS) ein. In seine Zeit fallen auch der Ausbau des TGV, des Ariane-Programms sowie des Airbus. Atomenergie unterstützte er ebenfalls, ebenso beginnt er eine aktive Afrikapolitik. So unternahm er den ersten Staatsbesuch in Algerien. 1980 besuchte er die Volksrepublik China. Auch in seine Amtszeit fällt die Änderung der Gare d'Orsay zum Musée d'Orsay! Zuvor war das große Bahnhofsgebäude u.a. als Drehort für Filme sowie als Theater genutzt worden. 1981 verliert er bei der Präsidentschaftswahl gegen François Mitterand mit 51,8% - seine Amtszeit ging trotz vieler weiterer unerledigter Pläne zu Ende! Giscard blieb politisch aktiv, z.B. wurde er für das Dépt. Puy-de-Dôme in die Nationalversammlung gewählt und wurde auch Vorsitzender des Regionalrates der Auvergne. Die Europäische Einigung lag ihm sehr am Herzen und unterstützte diese wo immer möglich! Am 2.12.2020 starb Giscard d'Estaing auf seinem Anwesen im zentralfranzösischen Authon.
Alle ZuhörerInnen waren bis zum Ende des Vortrags trotz der Verlängerung (!) hoch konzentriert - und wir freuen uns schon jetzt auf ein nächstes Zusammentreffen! À la prochaine…. (M.B.)
